Montes Horribiles
Die schrecklichen Berge- Fotografien eines Alpensimulacrums, 2005/lhb/cst
Bis weit in die Neuzeit hinein hatten die Alpen als Montes horribiles nicht die geringste Anziehungskraft. Erst am Ende des Mittelalters wurden sie zum ersten Mal von Künstlern für würdig gehalten auf Gemälden abgebildet zu werden, aber sie blieben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts überwiegend Hintergrund- Staffage. Dann werden die Alpen auf einmal "entdeckt", wird ihre Landschaft plötzlich als ästhetisch schön empfunden, und entwickelt sich zu einer der größten ästhetischen Sensationen ganz Europas. Warum?
Die ästhetisch schöne Landschaft in den Jahrhunderten zuvor war der Park gewesen, der im 18. JH allmählich von der strengen Geometrie des französischen Parks zum scheinbar naturnahen Park des englischen Typs wurde.
Das der barocke Mensch sich nur im Rahmen des französischen Parks an der Natur erfreuen konnte bzw. sie ästhetisch erleben konnte, weist auf eine fundamentale Distanz zur Natur hin. In den Parks erlebt der Mensch die Natur losgelöst von allen
praktischen Bezügen, getrennt von allem Gebrauchswert.
Im Park bearbeitet der Mensch nicht die Natur um sie zu nutzen,
um im Schweiß seines Angesichts seinen Lebensunterhalt zu sichern, sondern als Raum der Inszenierung von Herrschaft. Perfekte Symmetrien als Spiegelbild der absolutistischen Staatsform.
Im Laufe der Zeit wird diese extreme Künstlichkeit der Parklandschaft immer mehr zum Ausdruck von "Unnatürlichkeit". Es kommt zur Entdeckung des Wilden des Ungezügelten, als Inbegriff, auch romantisierender , Naturvorstellungen. Jean-Jacques Rousseau markiert in diesem Zusammenhang die "Neue Zeit". Seine prägenden Natureindrücke erlebte er in Savoyen, am Nordrand der Alpen. Mit seiner Vorstellung eines "Zurück zur Natur" , zuerst im Roman "La nouvelle Heloise" (1761) vorgestellt, begeisterte er das europäische Bildungsbürgertum.
Vor allem die englische Oberschicht macht sich darauf auf die wilde, ungezähmte Natur zu entdecken. Die Alpen spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle.
Fotos(c)lhb 2005/Kopfmodell CST 2005
Die technische Bezwingabrkeit des Raumes ist dabei entscheidend:
Brücken, Seilbahnen, Zahnradbahnen, Passstraßen ebnen den Weg in die Gipfelregionen. Was sich also einer ästhetisierten Wahrnehmung bis dahin in den Weg stellte, nämlich vor allem die Gefahr und die Unwegsamkeit, wird nun zum Gegenstand der künstlerischen Annäherung an den Alpenraum.
Nackte Felswände, durchbrochen von hängenden Gletschern, Schutt und Geröllhalden werden zum Ausdruck der letzten Phase der Ästhetisierung. Im Vordergrund steht dabei die scheinbar übewundene Bedrohung zu formalisieren. Dies gelingt vor allem mit den Mitteln der Geometrisierung, die letztlich keine reale Abbildung im Sinne hat, sondern eine Imagination von Landschaft und konkreter Wirklichkeit triggert.
Die heutige durchschnittliche Alpenfotografie und Malerei folgt immer noch diesen ästhetischen Regeln des 18. und 19. Jahrhunderts, auch wenn das Grundmuster teilweise leicht modifiziert wird. Ein grüner, Behaglichkeit signalisierender Vordergrund, mit Bach, See oder Wiese, dahinter die Gipfelregion als mahnende, Ehrfurcht gebietende Kulisse.
Manchmal freilich konzentriert sich die Darstellung bereits auf die felsige, baumlose Gipfelregion, operiert aber mit der alten geometrischen Ästhetisierung, die allenfalls ungeordneter und düsterer ist.
Heute wandeln sich die Bedingungen in den Alpen, denn durch die Auswirkungen der Klimaerwärmung werden weite Teile dieser Region möglicherweise unbewohnbar werden.
Das dieser Klimawandel in den Alpen so drastische Folgen haben wird, hat natürlich auch damit zu tun, dass zahlreiche Eingriffe in das Ökosystem Alpen, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, vorgenommen wurden. Katastrophen wie die verhängnisvollen Lawinenabgänge und Muren der letzten Jahre liefern hier nur eine kleine Vorahnung der tatsächlichen Schrecken, und stehen nichteinmal direkt im Zusammenhang mit dem Klimawandel.
Der Klimawandel wird also allenfalls das "Sahnehäubchen" in einem Prozess sein, der die Alpen relativ rasch vollkommen umkrempeln wird.
Nicht allein der Klimawandel ist das Problem, das Problem ist, dass der Klimawandel deshalb verheerende Folgen hat weil auf vielen anderen Ebenen falsche Nutzungs- und Wirtschaftskonzepte die Umwelt weitgehend ruiniert haben, nicht nur in den Alpen, hier wird dies nur schneller deutlich. Hier ist sie zu finden, die sozio-ökologische Komponente der Entwicklungen. Nun also allein das Augenmerk auf den Klimawandel zu richten, auf den CO2 Ausstoß, ist lächerlich.
Fotografien und Plastik eines Alpensimulacrums:
Hier wurde ein Kunststoff/Gipsbandmodell erstellt und mit verschiedenen Materialien zu einer miniaturisierten Imagination der Alpengipfelregion zusammengefügt. Das Kunststoff/Gipsbandmodell steht erhöht auf einem Sockel, an der Wand im Hintergrund befinden sich die Fotografien. Der Betrachter kann zunächst unmöglich erkennen, daß der Kopf aus großer Nähe fotografiert wurde. Erst mit der Zeit, vielleicht auch erst durch den Begleittext wird klar, daß es sich um eine Täuschung handelt. In den Köpfen der Menschen ist nurmehr ein Abbild der Alpen vorhanden, gespeist aus den Erzählungen und den zahlreichen Verwertungsmodellen dieses Naturraumes. Bildgeber sind Filme, Romane, Tourismus etc.Auch die heheren Ziele der Alpenvereine, sowie ernsthafte Bergsteiger tragen hierzu bei. man denke nur an die 24h LiveÜbertragung von der Besteigung der Eiger Nord Wand.
(Text&Fotos lhb)
- Wolfgang Bätzing: Die Alpen - Entstehung und Gefährdung einer europäischen Kulturlandschaft, C.H. Beck, München 1991


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