Das Video zum Feldaufenthalt II

Fragment10 - Kunst - das ist ein kontemplativer Akt.

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Wenn der Bart nicht zum Strategen kommt, dann muss der Stratege eben zum Barte.


The truth about traveling - vom Reisen


The truth about traveling - vom Reisen - es gibt kein Reisen mehr, er gibt keinen Weg mehr, es gibt nur noch Zeit die überbrückt wird, möglichst rasch, ein ausfransen der Zeit muss verhindert werden, KILOMETER sind SEKUNDEN, sind MINUTEN, sind STUNDEN. Die Entfernung kann nicht überbrückt werden, wenn Sie allein in Zeit gemessen wird, wenn der Weg zur Zeiteinheit wird, dann erreichen wir keine räumlichen Ziele mehr "vom Reisen"
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+498937914058 - Auflegen – Weitermachen

Ruf mich an +498937914058 ich schmelze!



"Calling the Glacier" von Kalle Laar



Text Lars H. Beuse

Die Diskussion um den Klimawandel ist von mahnenden Bächlein, die im Grunde schon seit den späten 80ern des letzten Jahrhunderts plätscherten zu einem mächtigen, rauschenden Fluss angeschwollen. Ein feuchtes Gleichnis, doch man kommt eben um den gewissen Wasserfaktor nicht herum, bei diesen ganzen Diskussionen um das Schmelzen aller möglichen Eisreserven.



Ächz – und ? Nur wenig mehr als Beteuerungen, denn wir haben es hier zunächst einmal nur mit der Entdeckung eines Bewusstseins für den Klimawandel zu tun, keineswegs aber mit ernsthaften Schritten, oder gar einer konkreten Änderung des Alltags. Wieder einmal werden wir mit der ganzen absurden Schizophrenie einer Polittournee konfrontiert deren Zwischenstation nun Klimawandel heißt. Zum Wesen dieser Tournee gehört es ein unglaubliches Brimborium zu veranstalten um einer ernsthaften Diskussion aus dem Weg zu gehen, welche die sozialen Folgen des Klimawandels hinterfragt, die in sehr ernste und konkrete Einschnitte münden müsste. Das Problem ist eben nicht der abstrakte Klimawandel, okay Leute es wird halt wärmer, vielleicht werden die Wüsten ja grün. Man stelle sich vor Afrika, Südamerika, weite Teile Asiens würden in einem mit dem unseren vergleichbaren Wohlstand leben, realisiert durch ähnlich primitive Maschinen und Techniken, wie wir sie immer noch verwenden - wir könnten dann alle noch ein letztes mal um den Block fahren, dann würde das Licht für die nächsten zweitausend Jahre definitiv und schlagartig ausgehen.

 

In diesen Zusammenhängen setzt meine Wahrnehmung von Kalle Laars interessanter Arbeit  „Calling the Glacier“ ein. Hey, ich ruf mal eben den Klimawandel an, lausche kurz dem Rauschen des dahin schmelzenden Gletschers: Hm, hm, so, so, ja, ja, na ja, so hört sich das also an, drehe dann den Zündschlüssel wieder herum, und brause davon. Hier zeigt der Schall seine Qualität als abstraktes Medium, doch man könnte auch noch einen Schritt weiter gehen, denn eigentlich reicht schon das Wissen um die Möglichkeit des Anrufes, man muss es nicht hören, der Schall als Option. Ein „Call the change - Drive In“. Dieses „Kippen in den alltäglichen normalen Wahnsinn“ bringt Kalle Laar auf den Punkt. Erst durch die Information, dass es sich um das Rauschen eines abschmelzenden Gletschers handelt wird dieses Rauschen zu einem Rauschen des Klimawandels, dabei bleibt es objektiv völlig belanglos, denn es rauscht eben, wie auch hier die Vey, in meinem Wohnort Satzvey, nach jedem Gewitterguss rauscht, nichts außergewöhnliches. Doch dieses Rauschen ist immer und überall da, ist "Melodie" der sich ändernden Umwelt, in dieser drohenden Normalität liegt die Qualität der Arbeit, denn dieses Rauschen durchdringt den gesamten Alltag, und unterwandert ihn durgreifend. Gleichzeitig bleibt die Arbeit, da sie keine Bilder vorschreibt, offen und wohltuend abstrakt, erst durch die eigenen Synapsen (rechts- oder linksgedreht) wird dieses Rauschen zu einer Naturgewalt.

Nun könnte man sich noch ketzerisch die Frage stellen wie die Co2 Bilanz des Gletschertelefons aussieht: Pro Anruf, wird da der Prozess des Abschmelzens beschleunigt? Immerhin ist die Ökobilanz der meisten Mobiltelefone eine echte Horrorstory. Dies ist ein weiterer überzeugender Aspekt, denn man bekommt so direkt vor Ohren geführt wie es läuft, mit der Geilheit auf Klimawandelbewusstsein und den tatsächlich Aktivitäten.

Manche Sender schaffen es problemlos in einer einzigen Sendung zunächst über die furchtbaren Folgen einer weltweiten Erwärmung zu berichten und fünf Minuten später lang und breit die armen Verbraucher zu zeigen, die immer mehr an den Zapfsäulen zahlen. Ein Spannungsfeld der unvereinbaren Widersprüchlichkeit von postulierter, moralischer Empörung und tatsächlichem Handeln. Kalle Laars Arbeit ist offen genug um diese Überlegungen anzuregen. 

Rauschen ist ein durchdringendes, dabei unscharfes Phänomen, es lässt sich nicht so ohne weiteres greifen, es durchströmt viele Ebenen gleichzeitig, in unterschiedlicher Intensität. Hier findet man die Erklärung für die Widersprüchlichkeit in der Berichterstattung, denn einerseits soll was getan werden, aber andererseits gibt es eben keine individuelle Lösung. Die Verbraucher werden ja gezwungen mit dem Auto zu fahren. Sicher gibt es manchen, dem das auch noch Spass macht, aber eigentlich ist Autofahren Arbeit, und dient vor allem der Arbeit, somit dem Lebensunterhalt. So entstehen diese grotesken Politblüten, wie etwa in der Frage der Pendlerpauschale. Allein dieser Aspekt macht deutlich was Rauschen heisst, komplexe Kreisläufe werden auf vielen Ebenen tangiert. Populistische Lösungen sind unmöglich. Bereiche die Vordergründig nichts mit Energie, Autos, Ökologie etc. zu tun haben werden "durchrauscht". Gleichzeitig ist auch der Klimawandel selbst nicht so einfach "gest(r)ickt", denn schließlich dürfte 2008 einer der "kältesten" Sommer aller Zeiten sein, vielleicht doch eine neue Eiszeit? Der Klimawandel selbst ist also kein singuläres-lineares Ereignis mit einzelnen klar benennbaren Ursachen, "er" ist ein rauschender, chaotisch - verteilter und widersprüchlicher Prozess, der über viele Ebenen kaskadiert. Genau diesem Verhalten entspricht in der Sprache und in der Akustik der Begriff "Rauschen".

Die sozialen Folgen des Klimawandels werden vor allem jene mit sich ausmachen müssen, die bisher schon die Folgen unseres Wohlstandes erdulden mussten. Genau bei diesem Pegelstand aber wird die Diskussion meist schon deutlich leiser. Hinter der vordergründig ökologischen Debatte verbirgt sich eine Debatte um die Frage, welche Teile der Welt weiter in rücksichtslosem Wohlstand leben und welche Teile der Welt verhungern, verdursten, versaufen, erfrieren, oder während dessen in Kriegen ums Wasser oder "sonstwas" sterben. Die Debatte um Umweltschutz kann so schnell zur Luxusdebatte geraten. Werden die zu erwartenden Flüchtlinge, vielleicht aus Afrika, dann "Asyl wegen Klimawandel" erhalten, oder werden wir sie als Wirtschaftsflüchtlinge gnadenlos "abschieben"? Jetzt werden vielleicht einige Leser schreien was hat das denn mit dem Klimawandel zu tun, der Autor pennt, und dieses lineare Denken ist genau das Problem, und zugleich das Ergebnis einer Klimawandeldebatte, welche die ökologischen Folgen abstrakt in den Mittelpunkt stellt, ohne die zu erwartenden sozialen Fragen zu benennen.

Traurig ist nicht das Schmelzen der Gletscher, die Natur ist ewig und kalt, und wird uns überdauern. Mein Freund der Baum? Mein Freund der Mensch? - und weiter rauscht es. Sicher ist nur, dass wir diesmal handeln müssen, denn auch uns wird es an den Kragen gehen.

Hört man sich dieses Rauschen am Telefon genau an, dann hört man eben nicht nur einen sterbenden Gletscher sondern eine gewaltige Beschleunigung differenzierter Prozesse, die den Klimawandel einerseits möglich gemacht haben, und andererseits dazu führen werden, dass er katastrophale soziale Folgen haben wird. Ein Rauschen, welches Zwischenergebnis und Katalysator zugleich ist.

Kalle Laars Arbeit setzt ganz bewusst auf das Telefon um den Klimawandel gleichsam rauschen zu lassen, denn das Telefon, das dauernde belanglose palavern am Mobiltelefon ("Ja, du, in 1 Minute klingel ich an deiner Haustür wollt ich dir nur kurz sagen. Jo, ich drücke dann auf. Ruf mich halt nochmal kurz an wenn du im Treppenhaus bist.") ist längst so alltäglich und unverbindlich geworden wie scheinbar auch der Klimawandel. Das Telefon bietet hinsichtlich der Materialität der Arbeit aber noch eine weitere Komponente, nämlich die der Übertragung: Das Schmelzwasser des Ferners strömt von weit her direkt in das Ohr des Anrufers, feucht wird es im Ohr deshalb noch lange nicht. Es bleibt diese verzweifelte Distanz, dieses nicht "sehen" können, dieses in Sicherheit wähnen, trotz all der bekannten Fakten. Hier zeigt der Schall seine Qualität als abstraktes Medium, doch man könnte auch noch einen Schritt weiter gehen, denn eigentlich reicht schon fast das Wissen um die Möglichkeit des Anrufes, man muss es nicht hören. Es werden Denkprozesse getriggert, keine vorgefertigten Bilder geliefert, so wird das Schmelzrauschen des Gletschers zu einer Hymne wider den entfernten und banalisierten Klimawandel, der in der popkulturellen und poppolitischen Praxis nur als „Hey wir tun doch alles“ Betroffenheitsritual eine Rolle spielt, nicht aber auf der Ebene der tatsächlichen Handlungsweisen.

Wenn man die Nummer gewählt hat, und dieses Rauschen hört, sich auf die skizzierten Denkprozesse einlässt, dann erreicht dieses Rauschen aus dem Gletschertelefon eine große Unerbittlichkeit, eine große Gnadenlosigkeit, es kann Ohnmachtsgefühle auslösen, denn man möchte das Wasser stoppen, das Rauschen beenden, doch in der konkreten Situation des Anrufes "beim Gletscher" hat man hierzu nur eine Möglichkeit: Auflegen – Weitermachen?



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